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Chlodwig, der Eroberer (1)

Von Jörg Rüdiger Mayer

Taufe Chlodwig I.; Teilansicht eines Elfenbein-Buchdeckels, Reims 9. Jhd.

Als der 16jährige Chlodwig im Jahre 482 seinem Vater Childerich als König nachfolgte, war die römische Herrschaft in Westeuropa bereits aufgelöst. Ihre Reste bestanden noch in Dalmatien, wo der weströmische Kaiser Julius Nepos regierte, in Nordgallien, wo General Syagrius die übrigen Reichstruppen kommandierte, sowie in Südspanien und Teilen Britanniens. Die Masse des Reichsgebiets beherrschten Germanen: Afrika die Wandalen, die Hauptteile Spaniens und Galliens die Westgoten, im Rhônetal hatten die Burgunder ihr mächtiges Reich, am Oberrhein die Alemannen, in Italien regierten die Söldnertruppen Odoakers. In Deutschland selbst teilten sich zahlreiche Stämme das Land: Nördlich der Donau saßen die Heruler, Rugier, Sueben und Langobarden, in Zentraldeutschland die Chatten und Thüringer, an der Nordsee die Warnen und Sachsen. Chlodwigs Salfranken saßen nach wie vor in Belgien.

Die führende Macht der Zeit waren die Westgoten unter ihrem König Eurich, dessen Hof in Toulouse (dt. Tholosen) seit dem Niedergang Roms zum politischen Zentrum Westeuropas geworden war. Chlodwig war also gut beraten, das Einvernehmen zu suchen, zumal die gotische Macht in den frühen 490er-Jahren einen weiteren Zuwachs erfuhr, als Theoderich, der König der Ostgoten, mit Billigung des oströmischen Kaisers Zeno und der Waffenhilfe von Eurichs Erben Alarich II. gegen Odoaker zog, ihn nach zweijähriger Belagerung vor Ravenna in der „Rabenschlacht“ besiegte und anschließend bei einem Versöhnungsmahl eigenhändig erschlug. Mit seiner Herrschaft gewann Italien erstmals seit einem Jahrhundert Frieden.

Im Schatten dieser weltpolitischen Ereignisse ergriff auch Chlodwig die Initiative. Durch eine Friedelehe mit einer Königstochter der Rheinfranken rückversichert, zog er gegen Syagrius, um die endgültige Entscheidung zwischen Franken und Römern in Nordgallien herbeizuführen. 486 siegte Chlodwig bei Soissons. Der römische Adler war gestürzt, die Reste von Syagrius‘ Reichsheer wurden in die fränkischen Verbände eingegliedert, ganz Gallien nördlich der Loire wurde zur Francia.

Die Beute war reich, doch schützte Chlodwig früh die Kirche vor Übergriffen. Seine Innenpolitik zielte auf einen friedlichen Ausgleich zwischen germanischer und romanischer Bevölkerung, seine Außenpolitik wiederum auf eine Verständigung mit den Nachbarreichen. Diese Politik gipfelte 492 in der Hochzeit Chlodwigs mit Chrodechild, der Nichte des Burgunderkönigs Gundobad, sowie in der Hochzeit des Ostgotenkönigs Theoderich mit Audofleda, der Schwester Chlodwigs, im Jahr darauf. Seine Töchter vermählte Chlodwig mit dem burgundischen Königssohn Sigismund und dem Westgotenkönig Alarich II.

Der Friede hielt bis 496, als Chlodwig Krieg gegen die Alemannen führen mußte, die den Angriff auf die Rheinfranken eröffnet hatten. Nach lange unentschiedenem Ringen siegte Chlodwig bei Zülpich. Die Alemannen unterwarfen sich seiner Oberhoheit, der Erfolg festigte aber auch Chlodwigs Ansehen bei den Rheinfranken, deren rivalisierende Edle er beseitigte. Um die Jahrhundertwende war damit ganz Franken in sein Reich eingliedert. Chlodwig war in den Kreis der Großmächte aufgestiegen.

Laut den Berichten Gregors von Tours soll der König auf dem Höhepunkt der Alemannenschlacht gelobt haben, sich taufen zu lassen, erränge er den Sieg – ein Gedanke, der schon lange in ihm gereift war. Schon sein Vater Childerich hatte, obwohl sein Lebtag lang Heide geblieben, gute Beziehungen zum Metropoliten seiner Provinz, Bischof Remigius von Reims, unterhalten. Dieser nun taufte Chlodwig an einem Weihnachtstag. Mit ihm nahmen 3000 fränkische Krieger, wohl das gesamte engere Königsgefolge, das Christentum an.

Die Frage der Konfession spielte eine entscheidende Rolle: Wandalen, Goten und Burgunder waren längst Christen, allerdings in Form des Arianismus. Die Glaubensdiskussion in der Reichskirche aber war inzwischen zugunsten des Trinitarismus ausgegangen. Franken und Römern zu vereinen vermochte daher nur ein Übertritt zur römischen Konfession, zumal bereits die romanisierten fränkischen Heermeister des 4. Jahrhunderts „katholisch“ gewesen waren und die Kirche Galliens seit ihren großen Bischöfen Hilarius von Poitiers und Martin von Tours als Vorkämpferin gegen den Arianismus galt. Auch Chlodwigs Gattin Chrodechild war bereits „katholisch“.

Die alten Götter aufzugeben, war indes nicht leicht, bedeutete es ja auch, die göttliche Abstammung des Königshauses aufzugeben. Doch das Sieghelfermotiv des mächtigeren Gottes und politische Erwägungen gaben den Ausschlag. Eine Entscheidung für den Arianismus hätte nicht nur die innere Festigung des Reiches gehemmt, sondern Frankreich in das hegemoniale System Theoderichs des Großen eingegliedert. Chlodwig wählte den anderen Weg.

Der Krieg mit den Goten folgte auf dem Fuß.

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