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Benehmen bringt doch nichts!

Von Hans B. von Sothen

GB_05Warum soll ich mich benehmen? Was habe ich davon? Vor einigen Jahrzehnten hätte man vermutlich geantwortet: Du bist Teil einer größeren Gemeinschaft. Du erwartest Respekt und Freundlichkeit; das bekommst du nur, wenn du dich selbst entsprechend verhältst. Doch die große Gemeinschaft ist inzwischen zu einer Gesellschaft geworden. Und auch diese zerfällt langsam, aber stetig zu einem großen Konglomerat aus unzähligen Kleingruppen, von denen jede ihren eigenen Verhaltenskodex hat.

Daß es regional verschiedene Höflichkeitsformen gibt, daß Dinge, die an einem Ort als höflich gelten, an einem anderen Ort als rüde und unhöflich betrachtet werden, das hat es wohl schon immer gegeben – und es war immer bekannt. Wer denkt nicht an die volkstümlichen Pseudo-Charaktere des arroganten Preußen und des bodenständigen Österreichers aus dem Salzkammergut im „Weißen Rößl am Wolfgangsee“? Das freundlich gemeinte, aber als herablassend empfundene „Schulterklopfen“, die Mischung aus Lautstärke, Unbeholfenheit und Arroganz, die uns aus den österreichischen Heimatfilmen der 1950er Jahren bis zur „Piefke-Saga“ von Anfang der 1990er entgegenschlägt.

Oder etwa die Tatsache, daß sich chinesische Touristen in Wien oder Graz bisweilen – verglichen mit ihren japanischen Kollegen – ungewöhnlich benehmen. Sun Longji, Professor an der Geschichtsfakultät einer  amerikanischen Universität, sieht einen Grund dafür im „Mangel an grundlegender Höflichkeit im öffentlichen Raum“ in der heutigen Volksrepublik China. Dort galt Höflichkeit, Takt und gutes Benehmen seit Maos „Kulturrevolution“ als „bürgerliches Relikt“. Dem Klassenfeind gegenüber brauchte man nicht freundlich zu sein. Zwei taiwanesische Doktoranden erzählten beispielsweise, daß sie während ihres Studiums in Peking einmal, als sie einer weinenden Kommilitonin, die vom Fahrrad gefallen war und die keiner beachtete, geholfen hatten, von dieser als Antwort erhielten: „Ihr seid bestimmt nicht aus der Volksrepublik, oder?“„Die Förderung geistigen Anstands ist komplett gescheitert“, stöhnte ein älterer chinesischer Lehrer: „Es gibt nur Geld und Oberflächlichkeit“.

Und bei uns? Einen einheitlichen Verhaltenskodex gibt es noch, aber er wird immer schmäler. Eine Stimme in der Straßenbahn fordert uns in regelmäßigen Abständen auf, diejenigen zu beachten, die unseren „Sitzplatz nötiger brauchen“ als wir selbst. Das tun wir zwar manchmal, aber im „Zweier“ nach Ottakring muß eben manchmal auch ein sichtlich auf unsicheren Beinen stehender älterer Mann stehen.

Und natürlich geht es nicht nur um Takt und die „Höflichkeit des Herzens“, sondern natürlich auch um das Wissen um die Formen dieses Takts. Warum sind Formen denn so wichtig? Eine kulturell entwickelte Gemeinschaft ist ein kompliziertes Wesen. Man muß sich über bestimmte Verhaltensweisen oft in Sekundenbruchteilen entscheiden. Ich kann es nicht jedes Mal einer Grundsatzdiskussion überlassen, ob ich jemanden aus der Straßenbahn erst einmal aussteigen lasse oder nicht, ob ich mich an der Kassa in eine Schlange einreihe oder mich vordrängele. Aber auch, daß ich keine Bananenschalen oder anderen Müll auf die Straßen werfe.

Da gibt es auch gewisse „Kultur-Techniken“, eine unausgesprochene Übereinkunft über das, was wir in Alltagssituationen tun sollen, ohne jedes Mal darüber zu reden. Doch ein Teil des Problems ist auch, daß die „Sprache“ der guten Sitten in einer „pluralistischen Gesellschaft“ keine einheitliche Grammatik mehr hat. Dies kann man insbesondere dort sehen, wo ganze Teile der Bevölkerung sich nicht mehr als Teil des Gemeinwesens betrachten, etwa in Teilen Berlins, aber auch bereits beginnend in einigen Bezirken Wiens. Bestimmte Teile dieser Bevölkerung fühlen keinerlei Unrechtsbewußtsein mehr, wenn sie in die Bim einsteigen, bevor andere ausgestiegen sind, wenn sie in Innenräumen auf den Boden spucken oder wenn sie gar öffentlich ihre Notdurft verrichten. Sie tun dies in der Regel nicht aus bösem Willen, sondern weil sie niemanden mehr kennenlernen, der ihnen sagt, was hierzulande üblich ist. Österreichische Jugendliche, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, nehmen daher teilweise (das geht bis hin zur Sprache!) solche Gewohnheiten langsam selbst an und tragen dabei zu einer weiteren Desintegration der geltenden Verhaltensmuster in Österreich bei.

Das kürzlich erschienene Werk des ehemaligen Kurators der Wiener Kunsthalle, Thomas Mießgang („Die Kultur der Unhöflichkeit“) macht noch eine andere Ursache für den schleichenden Verfall unserer guten Sitten verantwortlich: die Billig-Talkshows, die darauf angelegt zu sein scheinen, die ohnehin niedrigen moralischen Standards dauernd zu unterbieten und durch einen pseudo-demokratischen moralischen Standard auf unterstem Niveau zu ersetzen; die Vorstellung einer Pseudo-Elite, in der eine „Seitenblicke“-Gesellschaft, eine „Society“, weder eine für das Gemeinwesen spürbare Verantwortung trägt noch eine nützliche Funktion ausübt. Wenn man vielleicht absieht von etwas, das sie selbst „Charity“ nennen und bei der in der Regel für die Veranstaltung mindestens so viel ausgegeben wird wie die für „Charity“-Zwecke eingenommenen Spenden dieser „Gesellschaft“.

Mießgang sieht schwarz bei dieser Form von „Elitebildung“: „Eine Gesellschaft, die ihre bürgerliche Mitte verliert, ist stark gefährdet. Wenn du nur mehr die Superreichen hast und die armen Schweine, dann geht das in Richtung Bürgerkrieg.“

Das hat einen richtigen Kern. Eine Kritik daran sei aber  gestattet: Die „Superreichen“ von heute sind eben keine „Elite“ mehr, weil sie in der Regel selbst weder Verantwortung für ihr Land übernehmen noch eine solche verspüren. Auch die „bürgerliche Mitte“ – an ihrer Spitze das so oft verspottete und inzwischen kaum mehr wahrnehmbare „Bildungsbürgertum“ – hat sich ja früher an einer Oberschicht ausgerichtet, die eine verantwortliche Funktion in Militär, Diplomatie und Verwaltung ausübte. Diese praktisch tätige Führungsschicht ist durch die Politik der 68er systematisch zerstört worden. Und sie wird es noch. Der Haß dieser Generation auf alles, was nach Elite ausschaut, ist ungebrochen. Wer über das schlechte Benehmen hierzulande spricht, der darf über seine gegenwärtigen Eliten (und die, die sich dafür halten) nicht schweigen.

Im Alltag sind diejenigen unter uns, die in diesem Land eine fundierte Meinung zu äußern in der Lage sind und denen dort, wo sie tätig sind, zugehört wird, aufgefordert, sich auch dann zu Wort zu melden, wenn es unbequem scheint, wenn die Umgebung das vielleicht nicht wissen will. Denn für das unentwegte Schwätzen der Pseudo-Elite aus zweitklassigen Schauspielern, Kabarettisten und TV-Moderatoren findet sich in der Regel der gleiche Grund wie für das immer schlechtere Benehmen in der Öffentlichkeit: die Feigheit, das Schweigen derjenigen, die es besser wissen.

 

[ Sothen oben in die Mitte, ohne BUS ]

 

 

 

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Info:
Benehmen bringt doch nichts! ist Beitrag Nr. 1363
Autor:
huettner am 27. Juni 2014 um 05:39
Category:
Feuilleton
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