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Architektur als urbaner Erfahrungsraum

Wie die Politik den Städtebau und damit unser Leben bestimmt

Der Spittelberg, ein positives Beispiel für Altstadtsanierung

Wenn man heute über die Architektur eine r Stadt spricht, so meint man im allgemeinen nicht nur eine bestimmte Ansammlung kulturhistorisch relevanter Gebäude oder ganzer Anlagen, sondern befindet sich in einer weit tiefergreifenden, komplexen Thematik wieder: dem Städtebau.

Die Stadt in ihrer Gesamtheit zu erfassen, ist nahezu unmöglich, da sie sich aus verschiedenen milieu-differenzierten Inseln wie ein Mosaik zusammensetzt. Doch wie kommt es zu dieser Verinselung? In der Siedlungssoziologie versucht man bereits seit Jahrzehnten, der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich die Stadt und ihre Herausstellungsmerkmale produzierten. Sind es die Bewohner, die ihr Quartier zu dem machen, was es ist, oder ist es der Ort, der spezifische gesellschaftliche Schichten hervorbringt? Wer formt wen? Am Beispiel Wiens ist zu beobachten, daß auch gestandene Wiener Grätzel einem Prozeß der Wandlung unterliegen können, was sich sowohl am äußeren Erscheinungsbild, als auch am generellen Habitus ablesen läßt. Was sich dabei mit Sicherheit sagen läßt, ist, daß man sowohl robuste baulich-räumliche Strukturen, wie die Gebäude und das umgebende Straßennetz, als auch verschiedene zirkulierende soziale Milieus dafür verantwortlich machen kann. Welchen Einfluß haben nun städtebaupolitische Entscheidungen auf das Stadtbild?

In keiner anderen Stadt der freien demokratischen Welt dominiert etwas den Städtebau so nachhaltig wie der soziale Wohnbau in Wien. In über 90 Jahren schaffte es die Gemeinde Wien, aus den Steuergeldern ihrer Bürger einen Bestand von 220.000 Wohnungen zu errichten. Anders als in den meisten Metropolen in Europa wurden die kommunalen Wohnbaugesellschaften mit Beginn der Entindustriealisierung nicht entstaatlicht. So präsentiert sich Wien nun als die letzte sozialistische Stadt der Welt.

Wurden zu Beginn der 20er-Jahre noch eher innerstädtische Lagen wie der Margaretengürtel für die Errichtung der sogenannten Gemeindebauten gewählt, folgte man später verstärkt der marxistischen Maxime bezüglich Trennung von Wohn- und Arbeitsquartier. Die historisch gewachsene Stadt wollte man hinter sich lassen. Es entstanden die ersten Großanlagen an den Stadträndern, wie die Hansson-Siedlung oder die Trabrenngründe.

Espritversprühendes Großstadtflair sieht freilich anders aus. Stadtplaner und Investoren mußten erkennen, daß überall dort, wo der funktionalistische Wohnbau die Szene beherrscht, sich keine Urbanität einstellen will. Diese Wohnanlagen kamen nie über das Stadium der Siedlung hinaus. Die auf das reine Wohnen in der Kleinfamilie spezialisierten Quartiere können auf die sich ständig ändernden Lebensentwürfe im Kontext einer urbanisierten und globalisierten Welt nicht reagieren. Sie sind, was ihre bauliche Konzeption betrifft, zu unflexibel.

Bereits Anfang der 1960er-Jahre erkannte man, da die strenge Zonierung und vollständige Trennung von Arbeitsplatz und Wohnquartier zum Verlust von Urbanität führe. Diese Erkenntnis stützt auch der amerikanische Architekt und Stadtplaner Christopher Alexander, der feststellte, daß die räumliche Überlappung von verschiedenen sozialen und ökonomischen Aktivitäten die Grundlage einer Stadt bilde. Erst dadurch würden einzelne Elemente eines urbanen Gefüges miteinander verbunden. Eliminiere man diese Verschneidungen, riskiere man eine Reduktion sozialer und räumlicher Qualitäten. An mehreren städtischen Standorten wurde bereits erwiesen, daß sich eine kleinteilige Parzellenstruktur positiv auf eine entspannte Urbanität auswirkt. In diesem Zusammenhang ist es wenig verwunderlich, wenn sich in den Erdgeschoßzonen großer Wohnanlagen niemals interessante Gastronomien oder originelle Geschäfte ansiedeln werden. Auch sonst wird sich keine innovative Szene etablieren können, die den angrenzenden öffentlichen Raum attraktiver machen würde. Für diese Erkenntnis brauchte man in Wien etwas länger. In den 70er-Jahren trat, als es schon fast zu spät war, das Wiener Altstadtsanierungsgesetz in Kraft.

Eines der bekanntesten Beispiele für die positive Wirkung der Altstadtsanierung ist der Spittelberg im siebenten Bezirk, Wien-Neubau. Im 19. Jahrhundert war er ein berühmt-berüchtigtes Rotlichtmilieu mit vielen Etablissements und wilden Kneipen. Nach dem zweiten Weltkrieg verfiel das Viertel um die Stiftskaserne zunehmend und wurde zum Anlaufpunkt für Personen skurriler Lebensentwürfe. Zug um Zug wurde der Spittelberg jedoch einer Revitalisierungsetappe nach der anderen unterzogen und präsentierte sich so bis in die 90er-Jahre als gutbürgerlicher Stadtbezirk. Zur Jahrtausendwende entdeckten nun immer mehr Künstler, Designer und andere Kreative die verwinkelten Gassen des Spittelbergs für sich. Dem Trend folgend wurde schließlich der gesamte Bezirk von einer Kreativwelle erfaßt. Studenten und Jungakademiker, Bobos und Hipsters, sie alle zogen aus, um in den Siebenten Einzug zu halten. Nicht nur das Straßenbild hat sich dadurch gewandelt – auch die Wahlergebnisse: Neubau hat seit 2001 einen grünen Bezirksvorsteher.

Doch wer sind die Agitatoren dieses neuen sozialen Milieus, welches sich in den Altstadtgebieten der inneren Bezirke ausbreitet? Wer sind diese Bobos und Hipsters? In der Sozialforschung spricht man trocken von den Jungen Performern – ein Sammelbegriff für mehrere neuartige Gesellschaftsgruppen wie den Bobos, DINKs, SoHos, Yuppies, Millenials*. Allen ist jedoch gemein, daß sie Mitglieder einer jungen, unkonventionellen Leistungselite sind. Sie streben nach einem intensiven und genußvollen Leben, in dem sie ihre Multioptionalität und Flexibilität bewahren können. Ihr ausgeprägter Ehrgeiz richtet sich oft auf die Durchsetzung eigener Ideen, vor allem durch Selbstständigkeit in Form von „start-ups“. Sie stammen aus gutsituierten Elternhäusern, sind bildungsaffin und haben dadurch ein hohes Haushaltseinkommen. Durch ihr gehobenes Verlangen nach anspruchsvollen Outdoor-Aktivitäten, okkupieren sie nach und nach den urbanen Raum ihrer unmittelbaren Umgebung und setzen ihn, dem Gesetz von „Angebot und Nachfrage“ folgend, einer räumlich-ästhetischen Veränderung aus. In Folge soziokultureller Umstrukturierung kommt es auch zu immobilienwirtschaftlichen Veränderungen.

Die Problematik, die sich aus der fortschreitenden Besiedelung ehemals verschrobener Viertel durch die Jungen Performer ergibt, ist das Phänomen der Gentrifizierung. Sie ist eine Erscheinungsform fehlender kommunaler Steuerungsmaßnahmen am Immobilienmarkt. In Folge des Zuzugs von karrieremotivierten Aufsteigern steigen demgemäß natürlich auch die Mietpreise. Alteingesessene Bewohner werden sukzessive durch wohlhabendere ausgetauscht. Doch in der letzten sozialistischen Stadt der Welt muß niemand fürchten, kein Dach über dem Kopf zu haben. Denn bis heute scheinen sich die Konzepte der Wohnbaustadträte kaum geändert zu haben. Noch immer geben sie dem solitären großräumlichen Geschoßwohnbau den Vorzug gegenüber städtebaulichen Gesamtkonzepten. Zwar sind es nun bewohnbare Skulpturen aus der Feder von Stararchitekten, die für die nötige Propagandaleistung im Wahlkampf sorgen, die alten Schwierigkeiten können dadurch jedoch nicht beseitigt werden. F. Sedelmaier

* Bobo – „Möchtergern-Bohemién“, DINK – kinderlose Doppelverdiener, SoHo – Kleinunternehmer, Yuppie – obere Mittelschicht, Millenial – zw. 20 und 30 Jahre alt

 

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